Bericht von einem Aufenthalt in Duhok im Nordirak Ende September/Anfang Oktober 2009


HVMZM-Team in Irak
„Harykarya Merowa bu Merowa“,
das ist nichts Anderes als „Hilfe von Mensch zu Mensch“ auf Kurdisch. Und darum ging es bei unserem zweiten Besuch im Nordirak: Die Einrichtung einer Niederlassung unseres Vereins in diesem nördlichen Teil des Iraks, um unserem Projektziel der Errichtung einer „Aufnahmestruktur“ für Rückkehrer aus Deutschland einen Schritt näher zu kommen.
Um es kurz zu sagen: Diese Aufgabe erwies sich als eine große Herausforderung, die nicht geglückt wäre, wenn nicht unser Mitarbeiter Nasar Matin über so gute Kontakte in seiner Heimat verfügte. Schon die ersten Gespräche in Duhok, der Provinzhauptstadt, zeigten, dass mittlerweile im Nordirak ein vielfältiges einheimisches Vereinsleben entstanden ist, das für junge Leute eine große Palette von Angeboten bereit hält, vom Sport bis hin zu musischen und kulturellen Aktivitäten.
 
Die zwei größten Einrichtungen sind DIGC (Duhok Institute for General Culture) und die Vereinigung „Junge Demokratie für Kurdistan“, die neben einem zentralen Jugendzentrum über 15 Zweigstellen in den einzelnen Stadtteilen von Duhok verfügt. Dazu kommen eine ganze Reihe kleinerer Organisationen, die alle ihr Vereinshaus haben und Angebote auch für jugendliche Rückkehrer aus den europäischen Ländern und den USA und Kanada machen. Aus dieser Erfahrung entstand schnell die Erkenntnis, dass unser Verein im Nordirak mit den bestehenden Einrichtungen sich vernetzen und ein spezielles Angebot machen muss. Das besteht in erster Linie im Kontakt zu deutschen Einrichtungen und zu den Einrichtungen der Europäischen Union. Denn wie wir feststellten, sind die bestehenden Kontakte vornehmlich auf die Vereinigten Staaten ausgerichtet, während die Verbindung zu europäischen Ländern eher sporadisch und kurzlebig ist.
 
Um die beiden genannten Organisationen kurz zu beschreiben, muss hervorgehoben werden, dass DIGC erst seit 2005 besteht und sich vor allem zum Ziel gesetzt hat, bei jungen Menschen Verständnis und Engagement für eine demokratische Bürgergesellschaft zu wecken, in der die Menschenrechte geachtet werden und in der die Bürger am politischen Geschehen partizipieren. In diesem Sinne hat die Vereinigung an 120 Schulen einen Kontaktlehrer, der mit dem Verein zusammenarbeitet. Jugendliche machen wöchentlich eine eigene Radiosendung, in der sie auch ihre Probleme schildern. Zusammen mit dem Erziehungsministerium werden monatliche Schriften für Kinder und junge Leute herausgegeben, die große Verbreitung finden. DIGC verfügt auch über die notwendigen Ressourcen, um mit ihnen größere Projekte in Angriff nehmen zu können.
 
Die Vereinigung „Junge Demokratie für Kurdistan“ wird vor allem durch einen Rückkehrer aus den Vereinigten Staaten gesponsert, der einen großen Freizeitkomplex errichtete mit Schwimmbad, Fitnesscenter, Fußballplatz, was alles rege frequentiert wird.
Die beiden Leiter dieser Vereinigung sind bei der Stadt Duhok angestellt und managen mit einer Reihe von Teilzeitkräften als „Tutoren“ ein sehr gut ausgestattetes Jugendbildungszentrum mit Musikschule, Kalligraphieraum, PC-Werkstatt und PC-Seminarraum. Dazu kommen Sprachkurse für Englisch, eine Bibliothek, die auch für Studenten der Universität Duhok offen steht, und ein größerer Vortragssaal für Veranstaltungen. Die beiden Leiter sind sehr aufgeschlossen und haben viele Ideen für den Bildungsbereich, die sie auch bei der Stadtverwaltung einfließen lassen. Nach eigenen Angaben erreichen sie mit ihren Außenstellen in den einzelnen Stadtteilen 32000 junge Leute.
 
Es ist nun notwendig, Einiges über Duhok zu sagen: Der Bezirk Duhok umfasst die eigentliche Stadt Duhok mit rund 380.000 Einwohnern, die Grenzstadt Zakho mit rund 170.000 Einwohnern und Akre mit 70.000 Bewohnern. Insgesamt leben rund eine Million Menschen in dieser nordwestlichen Provinz Kurdistans, die an die Türkei und an Syrien grenzt. Eingeschlossen zwischen zwei Höhenzügen im Norden und Süden erstreckt sich die Stadt inzwischen weit ins offene Land nach Westen.

Gespräch mit Stadtdirektor für Planung
 
Wir hatten das Glück, engen Kontakt zu dem Planungsdirektor der Stadt zu erhalten, der uns erläuterte, wie der 25-Jahresplan der Stadt aussieht. Schon jetzt durchziehen zwei vierspurige Autobahnen das Stadtgebiet, die durch zahlreiche Querstraßen miteinander verbunden sind, so dass auf allen Seiten neue Wohnsiedlungen entstehen oder schon entstanden sind. Gebäudekomplexe, die vor eineinhalb Jahren noch in der unbebauten Landschaft standen, sind heute in einen durchgehenden Gebäudebestand integriert. Gegenwärtig wird an zwei großen Abwassersystemen gearbeitet mit dem Ziel, einen Teil des Brauchwassers für Bewässerungsprojekte wieder zu gewinnen. Gerade in diesen Tagen wurde eine neue Pumpe aus Deutschland in Betrieb genommen.
 
Im Westen ist ein neues Industriegebiet ausgewiesen, auf dem schon die ersten Produktionsstätten z.B. zur Herstellung von Baustoffen entstanden sind. Weiter im Südwesten ist ein Internationaler Flughafen geplant, der in der Zukunft den langen siebenstündigen Weg zum Flughafen von Erbil ersparen soll.
Nachdem überall in Kurdistan Erdöl- und Erdgaslager vorhanden sind, hat man bei Zakho bereits mit der Förderung begonnen und schickt durch eine Pipeline das Rohöl in die Türkei, wo es raffiniert wird. Auf einem Hügel im Süden, vom dem wir die Aussicht auf die ganze Stadt haben, soll ein größer Park entstehen, in dem die Menschen der Stadt Erholung vom hektischen Getriebe der Woche finden können. Wahrhaftig ein weitsichtiger und eindrucksvoller Plan, der auch zielstrebig umgesetzt wird, nicht zuletzt auch mit der Unterstützung von Firmen aus Deutschland. Als wir ein paar Tage später im Büro des Oberbürgermeisters zu einem Gespräch sind, bekommen wir mit, dass gerade eine deutsche Firma einen Auftrag über 20 Millionen Euro erhalten hat.
Ein Kuriosum ist es für uns, dass in allen Büros die Fernseher laufen. Aber es werden nicht etwa Spielfilme gezeigt, sondern es sind ständig aktuelle Berichte über Projekte und Ereignisse in der Stadt und im Umland, so dass die Leute über das Geschehen informiert sind
 
Insgesamt kann festgestellt werden, dass in diesem Teil Nordiraks zwei Dinge boomen: der Handel und das Bauwesen. Vor der Grenzstation stehen diesseits und jenseits der Grenze kilometerlange Schlangen von Lastkraftwagen, die auf die Abfertigung warten. Das bringt aber die türkischen Grenzer nicht aus der Ruhe und sie machen mittags und um Mitternacht jeweils eineinhalb Stunden Pause, in der einem nichts übrig bleibt als zu warten und Tee zu trinken.
Was das Bauwesen betrifft, so entstehen überall neue Siedlungen, denn die Bevölkerung hat mit ihrem Kinderreichtum einen großen Nachholbedarf an Wohnungen. Dazu kommt der Straßenbau, um dem wachsenden Straßenverkehr mit seinen langen Staus Herr zu werden.
Die Bevölkerung leidet keine Not und jede Familie erhält nach einer Regelung, die aus der Zeit des Embargo unter Saddam Hussein beibehalten wurde, jeden Monat eine Ration von bis zu 16 Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Reis, Öl, Salz, Zucker usw., so dass niemand Hunger leiden muss.
 
Auf der anderen Seite herrscht jedoch ein großer Unterschied zwischen den Besitzenden, die in großen Villen wohnen, und der normalen Bevölkerung, die sich mit ihren bis zu sechs und zehn Kindern eine kleine Wohnung teilen. Besonders auf dem Land herrscht große Arbeitslosigkeit und die Landwirtschaft steht wegen der immer geringer werdenden Niederschläge vor großen Problemen. Die Projekte zur Aufforstung kommen nur langsam voran und es wird großer Anstrengungen von Seiten des Staates bedürfen, wenn sich die Lage ändern soll.
 
Auf unserer Suche nach der Situation der „Rückkehrer“ besuchten wir auch Schulen: eine Grundschule, in der die Unterrichtssprache Englisch ist, und eine nach englischem Muster eingerichtete „High-School“. In diesen Schulen befinden sich viele Kinder von Rückkehrern und in der High-School wird sogar zweimal die Woche ein Kurs in Deutsch angeboten. Bei den Gesprächen mit Schülern, die in Deutschland zur Schule gingen, stellte sich heraus, dass sehr unter den gegebenen Verhältnissen leiden und sich eine „deutsche Schule“ wünschen. Insbesondere fällt es ihnen schwer, neben dem Unterricht in englischer Sprache jetzt Kurdisch und Arabisch zu lernen, was natürlich auf die Dauer notwendig ist. Auf der anderen Seite wird an den Hochschulen in Englisch unterrichtet, so dass diese Sprache natürlich von allen beherrscht werden muss, die eine höhere Bildung anstreben.
Bei unseren Gesprächen mit den beiden Schulleiterinnen stellte sich heraus, dass die Schulen für jeden Schritt die Genehmigung der Schulbehörde haben muss. Deshalb führten wir auch ein Gespräch mit dem Direktor der Schulbehörde und knüpften gute Kontakte zu dem zuständigen Abteilungsleiter für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, der auch selbst ein bekannter Autor ist und eng mit der Vereinigung DIGC zusammenarbeitet.
 
Insgesamt findet man im Nordirak eine große Gruppe gut ausgebildeter Menschen, die neuen Ideen sehr aufgeschlossen gegenüber stehen. Ein gutes Beispiel zeigte ein Gespräch mit Professor Nazar Muhammed Salim, der in Dohuk ein „Institut for Integrated Planning“ aufgebaut hat, in dem ganzheitliche Konzepte der Stadt- und Landesplanung entwickelt werden, die neben den geographischen und physikalischen Gegebenheiten auch soziologische und bevölkerungspolitische Entwicklungen einbeziehen und mit den strategischen und technischen Perspektiven einer modernen Gesellschaft verbinden. Der ehemalige Professor für Geologie aus Mossul, der als junger Mann bereits in England promoviert hatte, verfügt über enge Kontakte zu den deutschen Universitäten Dortmund und Freiburg und bietet für ausgewählte Personen aus der staatlichen Verwaltung und anderen Universitäten ein Postgraduiertenstudium an.
 
Ein Gespräch mit dem Kurdischen Frauenbund in Dohuk war sehr aufschlussreich. Die Vereinigung wurde schon 1952 gegründet und besitzt 23 Filialen mit insgesamt mehr als 10.000 Mitgliedern. Beeindruckend sind die vielen praktischen Aktivitäten, von denen die Frauen Nutzen haben. So haben durch die Aktion „Frauenführerschein“ 6400 Frauen inzwischen den Führerschein machen können. Eine Rechtsanwältin der Vereinigung hat in den letzten Jahren 542 Prozesse für die Rechte von Frauen geführt und gewonnen.
 
Ein Besuch im Dorf Scharia bei Duhok brachte uns Kontakt zur Bevölkerungsgruppe der Jessiden, die in anderen Teilen des Irak schweren Verfolgungen ausgesetzt sind, weswegen auch der Anteil der Jessiden bei den irakischen Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, besonders hoch ist. Die Jessiden leben vornehmlich auf dem Land und auch das Dorf Scharia ist eine große Landgemeinde, in der sicherlich mehrere tausend Menschen leben. Wir führten Gespräche mit dem Leiter eines Gemeindezentrums, einem engagierten Mann mittleren Alters, der uns über die fehlenden Erwerbsmöglichkeiten der Menschen berichtete, was auch durch den Rückgang der Landwirtschaft verursacht wird. Viele Familien halten sich über Wasser durch kleine Handarbeiten wie Nähen und Sticken. Die Abwanderung ist deshalb sehr groß und die Gemeinde ist auf staatliche Hilfe angewiesen. Auffallend war die große Zahl kleiner Kinder, die die Straßen bevölkerte, so dass unser Fahrer alle Hände voll zu tun hatte, sich im Schritttempo einen Weg zu bahnen.
 
Nach einem Wiedersehen mit unseren Freunden in Zakho, von denen zum Beispiel Ameer inzwischen als Vertreter der Christen Abgeordneter im kurdischen Parlament geworden war,
hatten wir schließlich die Gelegenheit, den Gouverneur von Dohuk zu treffen, dessen Zustimmung für die Einrichtung einer Vertretung unseres Vereins unbedingt notwendig war.
Wir konnten über unsere Arbeit mit jungen Irakern in Deutschland berichten und ihm unser Projekt einer Vertretung im Nordirak zur Unterstützung von Rückkehrern aus Deutschland nahe bringen. Insgesamt waren es viele Stationen und bürokratische Hürden, die wir durchlaufen mussten, um unseren Verein als NGO im Nordirak registrieren zu können.
 
München, im Oktober 2009
Dieter Hüttner
 
 
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