Sadija Klepo im Gespräch mit dem bekannten Anthropologen und Historiker


Sadija Klepo im Gespräch mit dem bekannten Antropologen und Historiker Prof. Dr. Enver Imanovic
Als ich zum ersten Mal in meinem Leben im Januar 1996 die total zerstörte Stadt am Fluss Drina gesehen habe, war das Liebe auf den ersten Blick. Die Stadt liegt an den beiden Seiten des grünen Flusses Drina. Die zerbombten Hochhäuser und die ausgehungerten Menschen mit den besorgten kleinen Kindern konnten die Schönheit dieser Gegend nicht mindern. Das Dayton Abkommen war bereits geschlossen, aber die ausgehungerten Einwohner von Gorazde hatten damals noch nichts davon gespürt. Nach wie vor kamen keine Konvois und keine Hilfe in die Enklave, die dreieinhalb Jahre vom Rest Bosniens durch die bosnischen Serben abgeschnitten war. Ich kam mit einem Konvoi, einem der ersten, der nach Gorazde durchgekommen war.
Vor dem Krieg war es nicht üblich, dass man die Städte in Bosnien besucht. Irgendwie habe ich immer Gorazde verpasst. Ich war in Griechenland, in Italien und Deutschland, aber nicht in Gorazde. Umso größer war meine neue Liebe zu dem zerstörten, aber heldenhaften Gorazde. Die Drina  erinnert an die grosse grüne Schlange, die sich zwischen den Bergen hindurchschlängelt. Auf den beiden Seiten des Flusses sind breite Täler mit kleinen schönen Häusern, die nach dem Krieg schwarz und ohne Dächer waren.
Goražde liegt im Osten von Bosnien und Herzegowina und befindet sich in der Föderation , einer von zwei Entitäten des südosteuropäischen Landes. Es liegt ca. 50 km Luftlinie südöstlich von Sarajevo  an der Drina. Die Stadt hat etwa 30.000 Einwohner und wird zu 90 % von einer muslimischen Bevölkerung  bewohnt. Wirtschaftlich war hier die Metall- und Chemieindustrie zuhause.
Goražde wurde erstmals im Zeitraum von 1379 bis 1404 erwähnt. Von 15. Jahrhundert  bis 1878 stand es unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches, danach  bis 1918 unter der Herrschaft Österreich-Ungarns. Im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 stand die Zivilbevölkerung der Stadt unter heftigen Beschuss der Jugoslawischen Armee und bosnischen Serben, die von den umliegenden Bergkuppen beständig die Stadt beschossen. 1993 wurde Gorazde zur UN-Schutzzone erklärt. Im Abkommen von Dayton wurde die Stadt der Föderation Bosnien und Herzegowina zugesprochen. Sie ist als Enklave mit dem übrigen Territorium der Föderation nur durch eine schmale Landbrücke verbunden. Goražde war die einzige, mehrheitlich von Muslimen bewohnte Stadt an der Drina, die sich in den kriegerischen Auseinandersetzungen aus eigener Kraft verteidigen konnte. Viele Bürger bezeichnen diese Stadt deswegen als Grad Heroja, was soviel bedeutet wie „Stadt der Helden“.
Nach Erfahrungen im Nahen Osten reiste Joe Sacco, der in Malta geboren wurde und  sich als zeichnender Journalist definiert, in die bosnische Enklave Goražde. Er schreibt: „Ich bin zwischen Ende 1995 und Anfang 1996 vier Mal hingefahren. Zum Zeitpunkt meiner Ankunft hatten die Einwohner Goraždes schon 3½ Jahre Krieg hinter sich. Sie wurden gewaltsam bombardiert, waren praktisch ausgehungert und kämpften Haus um Haus, um ihre Familien zu verteidigen. Sie lebten in zerstörten und verbrannten Häusern, oft ohne Elektrizität und fließendes Wasser. Sie waren immer noch von befreundetem Gebiet abgeschnitten. Und sie wussten nicht, ob ihre Situation im Friedensprozess berücksichtigt werden würde. Doch sie begannen auch zu begreifen, dass sie vielleicht bald die Nachkriegszeit planen mussten, wieder an die Banalität anknüpfen mussten und an die Welt vor den nationalistischen Parolen, dem Hunger, den Geschossen und den Massakern. Diese Realität habe ich versucht, zu beschreiben.“
Jetzt entwickelt sich die Stadt in eine moderne Kommune mit engagierten Menschen. Dazu trägt der neu gewählte Bürgermeister Muhamed Ramovic bei. Ramovic versucht die Stadt
zu modernisieren und mit jungen gut ausgebildeten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen so viel wie möglich neue Arbeitsplätze und neue Kontakte zu schaffen. Besonders ist für Ramovic wichtig,  mit den Bosniern in Deutschland in Verbindung zu treten,  um gemeinsame Projekte durchzuführen. Er sieht die Gefahr, dass die jungen Leute von Gorazde die Stadt verlassen um eine bessere Zukunft in Sarajewo oder im Ausland zu suchen. Deswegen kämpft der junge Politiker für jeden Mann und jede Frau, dass sie in Gorazde ein Auskommen finden und zur Weiterentwicklung der Stadt beitragen.
Man merkt, dass in der Stadt eine unheimliche Dynamik zu spüren ist.
Als ich in der Woche vor Ostern in Gorazde war, hatte dort gerade eine Deutsche Filmwoche begonnen. In Zusammenarbeit mit dem Goetheinstitut wurden  im Kulturzentrum Gorazde jeden Abend vom 6. – 10-April neue deutsche Filme gezeigt, wie z.B. Wer früher stirbt, ist länger tot, ein großer Erfolg von Markus Rosenmüller. Eines Abends habe ich auch einer Probe der Folkloregruppe AZOT beigewohnt.
Im kalten Saal haben 150 Mädchen und Jungen einen Kolo eingeübt.. Hand an Hand tanzten die jungen Leute wie eine Einheit  und übten auch die schwierigsten Schritte ohne Mühe ein. Ich war begeistern vom Enthusiasmus dieser jungen Menschen und würde mich freuen, diese engagierten Jugendliche nach München einzuladen um ihre märchenhaften Tänze hier zu zeigen.
 
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„Blickpunkt Balkan“ Sendung vom 14.April 2009

Bericht von Gorazde

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