Europäische Perspektiven für Bosnien-Herzegowina
Eine Analyse der heutigen Situation in Bosnien-Herzegowina ergibt ein erschreckendes Bild: Es fehlen die Attribute eines funktionierenden Staates.
Die Vereinbarungen von Dayton haben zwar den offenen Krieg mit Waffen beendet, aber nicht die Auseinandersetzung in den Köpfen der Menschen, die nach oder aufgrund von Dayton an die Macht kamen und um jeden Preis ihren Besitzstand wahren wollen, auch wenn er durch Unrecht und Genozid zustande kam.
Es hat sich keine politische Kultur entwickelt, die das Land über die Verfolgung von separatistischen Eigeninteressen hinausführen und den de-facto Status eines Protektorates ablösen könnte.
Die wirtschaftliche Entwicklung stagniert. Die Bevölkerung resigniert, hat sich mit den Unzulänglichkeiten des täglichen Lebens abgefunden und ist froh, wenn sie sich von heute auf morgen durchschlagen kann.
Die meisten Menschen haben keine Chance das Land zu verlassen. Sie würden es tun, wenn sie könnten, vor allem junge Leute.
Es gibt keinen starken Staat, der das Land im Wettbewerb mit den anderen Ländern des Balkans voranbringen könnte, obwohl Bosnien-Herzegowina über viele Ressourcen verfügen würde: billigen Strom, viel gutes Wasser, ausgedehnte Wälder, noch immer gut ausgebildete Menschen, Industriestätten, die mit wenig Aufwand modernisiert werden können, eine vielfältige Landschaft, wo man mit den guten Straßen Tourismus entwickeln kann.
Was ist nun die Rolle Europas?
Was könnte die Rolle Europas sein?
1. Es darf sich nicht von den Nachbarländern wie z.B. Serbien oder den Großmächten wie die USA und Russland erpressen lassen und in die Rolle des Zuschauers zurückfallen, wie es sie im Bosnienkrieg gespielt hat. Die europäischen Politiker müssen erkennen, dass ungelöste Probleme ihre Eigendynamik entwickeln, die zu viel stärkeren Verwerfungen in der Zukunft führen.
2. Europa muss erkennen, dass Bosnien-Herzegowina als ein Kernland des Balkan eine Vorbild- und Mittlerfunktion einnehmen kann für die Zusammenarbeit der verschiedenen ethnischen Gruppen, für die Kooperation von Katholizismus, Orthodoxie und Islam, für die Entwicklung einer kleinräumigen Wirtschaftsstruktur, die eine Ausgewogenheit zwischen Selbstversorgung, spezialisierter Industrie- und Konsumgüterproduktion und überregionalen Dienstleistungsangeboten herstellt.
3. Europa muss mit einer Zunge sprechen und die Einheit des Staates ausdrücklich sicherstellen. Es muss den Gordischen Knoten separatistischer Umtriebe und Spiel mit den Ängsten der Menschen durchschlagen, indem es dem geschundenen Land und insbesondere seinen jungen Menschen Entwicklungschancen gibt, die beginnen mit einer großzügigen Visumvergabe bis hin zu Vereinfachungen im Wirtschaftsverkehr mit den anderen europäischen Ländern.
Was kann in Bosnien-Herzegowina geschehen?
Die Möglichkeiten der Menschen in BiH sind begrenzt. Ihr politischer Handlungsspielraum ist, wie gezeigt wurde, eingeschränkt. Aber dennoch gibt es einige Dinge, die getan werden können:
1. Die Menschen dürfen nicht den Rattenfängern folgen, die ihnen, ganz gleich von welchem politischen Spektrum, Dinge versprechen, die sie nie halten können und auch nicht wollen. Wir müssen über den Horizont unserer Berge hinaussehen und beobachten, was in der Welt vorgeht. Daran müssen wir messen, was unsere Politiker sagen und schließlich auch umsetzen.
2. Die Menschen in Bosnien-Herzegowina dürfen nicht glauben, dass ihnen jemand von außen hilft. Sie müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, ihre Ideen umsetzen und mit kleinen Schritten ihre Situation verbessern. Das gilt vor allem für die gegenwärtige Privatisierung des Volksvermögens, das sie nicht einfach für einen Pappenstiel weggeben dürfen. Hier müssen sie den Politikern auf die Finger sehen und nicht gutgläubig warten, bis es zu spät ist und andere sich auf Kosten der Bevölkerung bereichert haben.
3. Wir müssen uns heute bewusst sein, dass seit dem Krieg eine neue Generation herangewachsen ist, die heute die Verantwortung für die Zukunft übernehmen muss. Sie muss sich objektiv mit der Vergangenheit auseinandersetzen, sich aber auch klarmachen, dass es das Zusammenwirken aller braucht, wenn es mit unserem Land vorangehen soll. Die bosnischen Serben müssen erkennen, dass sie nicht Anhängsel eines von einer Krise in die andere stürzenden Serbien werden dürfen, die bosnischen Kroaten dürfen nicht glauben, dass sie in einem auf die EU ausgerichteten Kroatien willkommen sind, und die bosnischen Muslime dürfen nicht glauben, dass sie allein einen Staat bilden könnten, der zukunftsfähig wäre. Nur zusammen können wir unser traditionsreiches Bosnien-Herzegowina zu einem tragfähigen politischen Faktor auf dem Balkan machen.
Wenn wir das unseren Kindern und jungen Leuten in den Schulen und Universitäten nicht klar machen, geht unsere Chance Teil eines geeinigten Europas zu werden und an seiner wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung zu partizipieren verloren.
4. Schließlich dürfen wir die Rolle der bosnisch-herzegowinischen Diaspora nicht vergessen. Überall auf der Erde leben Menschen aus BiH, die ihr Land lieben und helfen wollen. Es gibt Angaben, die sagen, dass Bosnien von dem Geld lebt, das die Leute von außerhalb ihren Familien in BiH schicken. Es gibt junge gut ausgebildete Leute, die ihre bosnischen Wurzeln erkennen und im Land ihrer Eltern arbeiten wollen. Ich habe das Gefühl, dass die Politiker in BiH dies zu vermeiden versuchen.
Warum? Diese jungen Menschen lassen sich nicht leicht manipulieren.
München und Sarajewo am 29.September 2007
