Impressionen von einem Besuch in Nordirak


Basar in Zakho (Nordirak)
Die Menschen sind ungeheuer aufgeschlossen und hilfsbereit. Weder beim Geldwechseln noch beim Einkaufen oder im Restaurant hatten wir auch nur einmal das Gefühl übervorteilt worden zu sein. Im Gegenteil: wir erhielten immer vom Besten und jeder half uns, das zu finden, was wir uns vorstellten. Wenn jemand partout nicht verstand, was wir wollten, holte er sofort sein Handy hervor und rief jemanden an, der Deutsch oder Englisch verstand. Dadurch wurde jede komplizierte Konversation doch noch zu einem guten Ende geführt.

Es ist bemerkenswert, wie viele Kurden Deutsch, Englisch, Schwedisch, Dänisch oder andere europäische Sprachen sprechen. Der Grund liegt darin, dass viele Familien in der Zeit von Saddam Hussein ins Ausland gingen und dort viele Jahre zubrachten. Oft haben sie die Staatsbürgerschaft ihrer Zufluchtsländer erworben und sind erst nach dem Sturz von Saddam Hussein in ihre Heimat zurückgekehrt. Viele Kinder sind in Deutschland oder in anderen europäischen Ländern geboren und haben dort auch die Schule besucht. Die Rückwanderer sind vergleichsweise gut gestellt, leiden aber unter den unzureichenden Bedingungen und sind enttäuscht, dass sich die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse nur sehr schleppend ändern. Grundsätzlich sind sie sehr bestrebt, ihre Deutschkenntnisse nicht zu verlernen und nehmen jede Gelegenheit wahr, mit jemandem Deutsch zu sprechen. Es wäre ihr größter Wunsch, wenn es in Zakho oder Dohuk eine deutsche Schule geben würde, auf die sie auch ihre Kinder schicken würden.

Die Gesellschaft ist sehr familienorientiert. Die Familie spielt eine ungeheuere Rolle und sechs und mehr Kinder sind keine Seltenheit. Wie in allen muslimischen Ländern spielt der Freitag eine große Rolle. Es wird nicht gearbeitet und eine Besonderheit ist der nahezu obligatorische Picknick-Ausflug ins Grüne. Die ganze Familie wird ins Auto verfrachtet und man fährt zum Picknicken ins Grüne, wo oftmals ein Feuer angezündet und gesungen und getanzt wird. Wir wurden von unserem Gastgeber zu einem Picknickausflug mitgenommen. Leider war das Wetter schlecht und es begann zu regnen, so dass wir es mit einem Ausflug aufs Land bewenden lassen mussten. Wir konnten aber trotz des schlechten Wetters viele Familien beobachten, die aus der Stadt gekommen waren, über dem Feuer ihr Fleisch brutzelten und sich schlecht und recht durch Planen vor dem Regen schützten. Im Übrigen wurde von allen Leuten der Regen sehr begrüßt, weil in diesem Winter zu wenige Niederschläge gefallen waren. Nach den zwei Regentagen spürte man deutlich eine Veränderung in der Natur. Die Felder wurden grün und die junge Saat machte einen Wachstumsschub.

Die Wurzeln der kurdischen Menschen liegen auf dem Land, in den dörflichen Gemeinschaften. Unter Saddam Hussein wurden 4000 Dörfer zerstört und die Menschen mussten in die Städte ziehen oder wurden in Sammeldörfern interniert, wo sie leichter durch den Staatsapparat zu kontrollieren waren. Dadurch sollten nicht nur die familiären und stammesmäßig gewachsenen Strukturen zerstört, sondern auch die nationale Identität der kurdischen Bevölkerung vernichtet werden. Auch heute wissen die Menschen ganz genau, zu welchem Stamm sie zugehören und welche Familien in einem Familienclan das Sagen haben, auch wenn ihre Angehörigen mittlerweile in den Städten wohnen. Durch die Vernichtung der Dorfbevölkerung wurden auch die landwirtschaftlichen

Grundlagen zerstört und der neue Staat bzw. die Provinzregierung unternimmt große Anstrengungen, die Dörfer aufzubauen und zu beleben und die brach liegenden Landesteile wieder zu bewirtschaften.

Eine besondere Rolle spielen dabei die Christen. So haben im Umkreis von Zakho die Christen 22 Dörfer wieder aufgebaut, immer auch zusammen mit einer Kirche, einem Gemeindesaal, der besonders für die großen Hochzeitsgesellschaften unerlässlich ist, und einer kleinen Schule. Die Christen haben die besondere Unterstützung der Provinzregierung und stellen eine wichtige gesellschaftsbildende Kraft im neuen Kurdistan dar. In Zakho wird gegenwärtig eine neue Kirche gebaut, deren noch im Rohbau stehender Kirchturm zu einem Wahrzeichen der Stadt werden wird. Erschüttert wurde die christliche Gemeinde durch die Entführung und Ermordung des Erzbischofs in Mossul, das rund hundert Kilometer von Zakho entfernt ist.

Von allen Gesprächspartnern wurde uns versichert, dass das Zusammenleben von Muslimen, Christen und anderen ethnischen und religiösen Gruppen in Zakho vollkommen harmonisch und respektvoll verläuft. Wir konnten uns davon selbst überzeugen, wie Christen und Muslime, Araber und Kurden überall friedlich miteinander leben, ihren Geschäften nachgehen und überall einträchtig und ohne Anfeindungen das Straßenbild bestimmen.

Die Stadt Zakho ist mit mehr als 200.000 Einwohnern ein wichtiges Zentrum an der Grenze zur Türkei und nach Syrien. Kilometerweit reihen sich die Lastkraftwagen, die in das Land kommen oder über die Grenze ins Ausland fahren. Entsprechend ist Zakho vor allem ein Handelszentrum, das durch breite, meist vierspurige Straßen aus der Türkei erreicht werden kann bzw. weiter in den Süden mit Dohuk (mit einer halben Million Einwohnern) und  Mossul, bis hin nach Bagdad verbunden ist. An den Ortseingängen werden alle Fahrzeuge von bewaffneten Posten kontrolliert, wobei wir das Glück hatten, dass unsere Fahrer überall mit den Posten bekannt waren, so dass ein problemloses Passieren möglich war. Wir wurden Zeugen, wie in Zakho ein Konvoi von Lkws in den Süden nach Mossul und Bagdad zusammengestellt wurde, der von armierten Fahrzeugen einer privaten Sicherheitsfirma begleitet wurde. Die Begleiter waren junge Männer aus Nepal unter der Leitung eines ehemaligen britischen Soldaten, der schon im Kosovo und in Afghanistan tätig gewesen war.

Unsere Freunde hatten von einem Tag auf den andern für uns eine Zusammenkunft mit den Vertretern von einheimischen Organisationen organisiert, die uns alle kennen lernen wollten.

N eben dem Vorsitzenden und einigen Mitgliedern der führenden Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) kamen zu dem Treffen der Naturschutzbund, die Frauenliga, der Kinder- und Frauenschutzbund, ein Vertreter der Kultur- und Traditionspflege sowie der Stadthistoriker, und der Leiter des christlichen Zentrums. Wir erhielten dadurch einen guten Einblick in die gesellschaftspolitische und soziale Arbeit in Zakho, wobei alle Organisationen sehr interessiert an einer Zusammenarbeit mit den entsprechenden Einrichtungen in Deutschland waren. Es war uns auch möglich, einige von diesen Einrichtungen in den nächsten Tagen zu besuchen und weitere Gespräche zu führen.

Einen besonderen Kontakt konnten wir zu dem unabhängigen Gulan-Center herstellen, eine Bildungseinrichtung, die über einen großen Vortragssaal und Tagungsräume verfügt sowie ein Sport- und Fitnesszentrum für junge Leute betreibt. Kurz vor unserer Abreise wurden wir Zeugen einer Vortragsveranstaltung zum Thema "Frauenrechte", an der vor allem auch Männer teilnahmen.

Ein Gesprächsabend mit einem kurdischen Journalisten, der aus Zakho stammt, inzwischen aber in Bagdad arbeitet und gerade aus Bagdad gekommen war, gab uns einen guten Einblick in die größere politische Lage im Irak, von der man in Kurdistan nur wenig mitbekommt.

München, den 25.03. 2007 
Dr. Dieter Hüttner

 

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