Srebrenica ...
Srebrenica: Mode oder Mitgefühl?
Es sind genau 10 Jahre vergangen. Srebrenica ist auch heute, wo sein Platz ist, am Fluss Drina. Wenn die Drina sprechen könnte, würde der Fluss Unglaubliches erzählen. Wie viele Tote und Verletzte von ihr aufgenommen wurden, das weiß nur der liebe Gott. Ganz Bosnien ist ein Apfel des Sevdah, d.h. der Liebe. Doch Srebrenica ist wie ein Wurm in diesem Apfel. Die Toten sollten wir ruhen, die Lebenden ihren Frieden finden lassen. Aber es können Hunderte und Tausende von Jahren vergehen, Srebrenica wird immer in fetten Buchstaben in der Geschichte und in unseren Herzen geschrieben stehen. So lange es Bosnien gibt, so lange es die Geschichte gibt.
Mein Mitgefühl den Überlebenden gegenüber habe ich in meinem Gedicht „Den bosnischen Herzen“ ausgedrückt. Jeder Kommentar ist überflüssig, wenn man in Betracht zieht, dass ich aus der Provinz komme, in der die Cetnik-Bewegung immer mehr Kräfte wiedergewinnt. Bei einer Gelegenheit habe ich ausgesagt, dass das Gedicht „Den bosnischen Herzen“ weder als gut noch als schlecht bewertet werden kann – es kann nur gefühlt werden, und es wurde für Menschen mit Herzen geschrieben.
Es ist ein großes Problem, dass die Menschen den Krieg nicht von Gewalt unterscheiden können. Der Krieg hat seine Rituale, und so lange es Menschen und Waffen gibt, wird es Kriege geben. Niemand kann bestreiten, dass alle drei Seiten während des Krieges daran beteiligt waren, und dass jeder das, was er als sein Eigentum ansah, verteidigte. Aber in eine Enklave unter dem Protektorat der UNO einzufallen, ist etwas Anderes. Jeder, der eine Waffe in die Hand nimmt, muss wissen, dass nicht nur jemand anderes, sondern auch er selbst durch diese umkommen kann. „Unterscheide die Waffe, die umbringt, von demjenigen, der sie hält und sich verteidigt.“ Im Krieg haben die Schmuggler aller Ethnien profitiert, weil ihnen die Grenzen entgegen kamen nach dem Sprichwort „Divide et impera!“ ( Teile und herrsche!)
Doch Srebrenica unterscheidet sich dadurch, dass dort unbewaffnetes Volk angegriffen wurde: Alte, Mütter, Kinder und Jugendliche – es war nicht schwer, sie zu überwinden.
Srebrenica, eine Enklave, die von der UNO überwacht wurde, und ihre Menschen ohne Waffen, davon überzeugt, dass die Uno sie verteidigen würde, haben nicht einmal im Traum daran gedacht, was passieren würde. Das war reine Aggression. Wenn man in Betracht zieht, dass die Anzahl der Opfer nicht gezählt werden kann, ist Aggression ein mildes Wort. Das war nicht nur Aggression, das war ein Massaker, ein Genozid, eine ethnische Säuberung Unschuldiger und Unbewaffneter.
Jeden normalen Bürger, auch mich, verletzt eine Tatsache: Diese Waffen und diese Mörder stammen unglücklicherweise aus unserem Land. Noch gestern gingen sie unbesorgt mit uns in der Stadt spazieren, kauften in den gleichen Läden ein ... und wir wussten nicht, mit wem wir zusammenleben. Über Srebrenica wurde erst nach dem demokratischen Umschwung gesprochen. Aber das Volk, mit den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen beschäftigt, achtete nicht auf das, was 1995 passiert ist. Ich wusste, dass Serbien früher oder später dafür verantwortlich gemacht werden würde. Wie vieles von der Art wie Srebrenica man noch in Ost-Bosnien finden kann, das muss man die Drina fragen, die das alles mit ansehen musste und all die toten, verletzten und unschuldigen Lämmer in sich aufgenommen hat. Es ist die Zeit gekommen, dass in Serbien Srebrenica wichtiger geworden ist als das persönliche Wohl. Es stellt sich die Frage, wo sich alle die befinden, die dafür verantwortlich sind. Der Präsident der serbischen Regierung Kostunica, hat sich im Jahre 2000 beschwert, dass für ihn Den Haag das fünfte Rad am Wagen sei. Jetzt sucht seine ganze Regierung nach Mladic und Karadcic.
Und deshalb frage ich euch alle: ist das nun Mode oder Mitgefühl? Vor fünf Jahren wussten wir angeblich nicht, was mit den Bosniern in Srebrenica passierte, und nun, da unser Pflaumenexport und Standard davon abhängt, sehen wir ein, dass es doch nicht überflüssig ist. Die Regierung will eine Deklaration verabschieden über Srebrenica und die übrigen Kriegsverbrechen, für die der wichtigste Schuldige der Staat Serbien ist. Ok. Schön. Aber was das Problem ist werden wir im Folgenden sehen:
Nach dem Prinzip: Wo der Schlag trifft, dort lindert man den Schmerz. Es ist Mode geworden, Srebrenica zu besuchen und mit den Opfern mitzufühlen, was durch die genannten Fakten offensichtlich wurde. Dass Srebrenica zum Trend wird, sieht man an einem weiteren Beispiel. Wenn jemand mit dem Schmerz von Srebrenica mitfühlen wollte, hätte es 1999 tun können, als die damalige Republik Jugoslawien bombardiert wurde. Jetzt ist es eine Mode und es ist leicht, an einem fremden Grab zu trauern.
Nehmen wir z. B. Madonna, die ein Video über die amerikanische Hegemonie aufgenommen hat in dem Moment, in dem Amerika den Irak angegriffen hat. Wichtig ist der Moment des Mitgefühls. Bei uns in Serbien dagegen wusste nieman, dass am 11.07. 1995 ein Massaker an bosnischen Muslimen verübt wurde. Wahrscheinlich war damals die erste Meldung in den Nachrichten des Nationalen serbischen Fernsehens, dass Präsident Milosovic ein Faktor des Friedens auf dem südöstlichen Balkan sei. Ich war damals 9 oder 10 Jahre, nicht mehr Kind genug, um nicht zu wissen, was passiert, was ein Krieg, was die Rituale des Krieges, was ein Massaker ist. Aber man sagt es ist nie zu spät. Ich will nicht behaupten, dass ist, als ich das Gedicht „Den bosnischen Herzen“ schrieb, mich als Kosmopoliten darstellen wollte. Ich habe lediglich mit diesen Herzen mitgefühlt. Es sind einige Internetforen über dieses Gedicht eröffnet worden, manche verurteilen mich, die anderen erheben mich in den Himmel, die dritten behaupten, ich hätte daran profitiert, die vierten sagen, ich sei eine Schande für mein Volk. Aber ich bleibe, was ich bin: ein großer Freund des bosnischen Volkes!
(ins Deutsche übertragen von Maja Klepo)
