Tagung der Katholischen Akademie Bayern am 24.03.2007 "Bosnien-Herzegowina – Die Last der Vergangenheit und die Hoffnung auf Zukunft“

Ein Bericht von Dr. Dieter Hüttner

Das war der anspruchsvolle Titel eines ganztägigen Seminars, zu dem am 24. März 2007 die Katholische Akademie in Bayern eingeladen hatte. 
Wie Akademiedirektor Dr. Florian Schuller bei der Eröffnung feststellte, geht es heute darum, das aus den Schlagzeilen gekommene Thema Bosnien-Herzegowina nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern sowohl das Trennende, aber auch das Verbindende hervorzuheben, das diesen jungen Staat zusammenhält, und gleichzeitig die Perspektiven für die Zukunft auszuloten. 


Die Tagung versuchte deshalb in vier Schritten an das komplexe Thema heranzugehen, wobei für jeden Schritt eine namhafte Persönlichkeit als Referent aufgeboten wurde.
Die Einführung machte Frau Marie-Janine Calic, Professorin für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der Universität München. Sie hatte das Thema "Reiches Erbe – schwieriges Erbe" gewählt und gab eine Skizze der 1000 jährigen Geschichte des im Herzen des Balkans gelegenen Territoriums Bosnien-Herzegowina, wo es bereits 1377 mit dem Königreich Bosnien zu einer bedeutenden mittelalterlichen Staatsbildung gekommen war, die sich von der Adria bis zur Save und Drina erstreckte. Im Spannungsfeld zwischen Ostrom und Westrom entstand im 13. Jahrhundert eine autochthone bosnische Kirche, die man bis heute nicht klar einzuordnen vermag. Mit dem Vorrücken des osmanischen Reiches unterlag die Bevölkerung jedoch schrittweise einer Übernahme des Islams, wobei Bosnien als Provinz des osmanischen Reiches eine ungeahnte Blüte erfuhr, die sich bis heute in architektonischen Zeugnissen wie den berühmten Brückenbauten von Mostar und Vishegrad und den Moscheen niederschlägt. 


Wie Frau Calic auch deutlich machte, war Bosnien-Herzegowina durch all die Jahrhunderte ein ethnisch und religiös gemischtes Land, so dass die Referentin am Anfang die Frage stellte, unter welchen Umständen die ethnisch-kulturelle Vielfalt zum Problem werden kann. Sie führte dazu aus, dass dies in der modernen Zeit immer in Zeiten des Umbruchs war: Im Ersten und Zweiten Weltkrieg und beim Zerfall des Jugoslawischen Staates. 
Unter Berücksichtigung der schwierigen gegenwärtigen Situation und trotz der aus dem jüngsten Krieg bestehenden "Erblasten" kommt Frau Calic doch zu der Überzeugung, dass eine friedliche Koexistenz der ethnischen Gruppen in Bosnien-Herzegowina kein unerreichbares Ziel sein muss.


Einen positiven Ausblick gab auch der nächste Referent der Tagung, Pater Marko Orsolic. Als Leiter des Internationalen Multireligösen und Interkulturellen Zentrums in Sarajewo berichtete er über die unablässigen Bestrebungen seiner Institution, die unterschiedlichen Religionen und Gruppen in Bosnien-Herzegowina zu einem zukunftsweisenden Dialog zusammen zu bringen. Er knüpft an die alte Tradition der Franziskaner in Bosnien-Herzegowina an, die in den achthundert Jahren ihres Bestehens immer das gedeihliche Zusammenleben der Menschen im Sinn hatten und oftmals eine Vermittlerrolle zwischen den unterschiedlichen Religionen und Ethnien eingenommen hatten.


Der dritte Referent Ivan Lovrenovic ging aus von der beunruhigenden Einsicht, dass es in Bosnien-Herzegowina heute keine wirkliche kohärente Kraft gibt, die in der Lage ist, die auseinanderstrebenden Teile des jungen Staates zusammenwachsen zu lassen. Der Staat ist vielmehr in einer Stagnation gefangen, die vor allem durch den Waffenstillstandsvertrag von Dayton verursacht wurde, der das Land in einem Status des Provisoriums belässt. Lediglich die bosnischen Serben nützten Dayton zu ihren Gunsten aus, um auf der Basis der im Krieg vollzogenen ethnischen Säuberungen ein zusammenhängendes staatsähnliches Gebilde zu schaffen. Lovrenovic nennt einige Voraussetzungen, die für die Zukunft des Staates Bosnien-Herzegowina grundlegend sind: Zunächst muss allen klar sein, dass dieser bosnisch-herzegowinische Staat allen drei großen ethnischen Gruppen, nämlich den muslimischen Bosniaken, den Serben und Kroaten gleichermaßen gehört und dass alle drei Verantwortung für seine weitere Entwicklung tragen müssen. Dies kann sinnvoller Weise geschehen durch das Prinzip der gemeinsamen Vereinbarung, einer demokratischen Form des Konsenses, der auf eine einzuübende Kultur des Verhandelns und der Verteilung der Macht und das Vetoprinzip aufbaut. Für Bosnien-Herzegowina bietet sich kein demokratisches Modell eines normalen europäischen Staates oder des "euro-amerikanischen Modell" eines Staates an, sondern eher Konstruktionen wie in der Schweiz, den Niederlanden oder Belgien. In diesem Sinne verlangt er, dass sich die führenden Menschen in Bosnien-Herzegowina auf den Weg machen müssen, um ihren Staat aus der Stagnation herauszuführen und weiter zu entwickeln.
Mit seinen programmatischen Ausführungen hatte Lovrenovic einen guten Ausgangspunkt für den nächsten Referenten geschaffen, der die Entwicklung Bosnien-Herzegowinas von 1995 bis heute unter dem pragmatischen Blickwinkel der machtpolitischen und militärstrategischen Verhältnisse betrachtete. Predrag Jurekowic ist selbst kroatischer Abstammung und ist Leiter des Referats Konfliktanalyse im Institut für Friedenssicherung und Konfliktmagagement der Landesverteidigungsakademie in Wien. Er kennzeichnet das heutige politische Agieren der Politiker in Bosnien-Herzegowina als den Erhalt eines "Gleichgewichtssystems der Obstruktion". Die 12 Jahre Nachkriegsgeschichte teilt er in drei Phasen ein: Da war 1995 bis 97 zunächst die Anstrengung ein Wiederaufflackern kriegerischer Handlungen zu verhindern, wofür 60.000 Soldaten eingesetzt waren. Im Grunde war diese Zeit eine Weiterführung der Kriegspolitik, was sich vor allem in der Stärkung der Dayton´schen innerstaatlichen Grenzziehungen niederschlug. Dies nutzten insbesondere die bosnischen Serben, indem sie mit der "Republika Srpska" einen Staat im Staate schufen.


Dem entgegen zu wirken und eine Teilung des Landes zu verhindern bzw. diese wieder aufzulockern, war ein Inhalt der nächsten Phase, die die fünf Jahre von 1998 bis 2003 umfassten. In dieser Zeit wurde das Protektorat des obersten Representative geschaffen, der mit besonderen Vollmachten ausgestattet war und diese auch einsetzte um den nationalistischen Politikern Einhalt zu gebieten. 
Die nächste Periode von 2003 bis 2007 sieht Jurekowic als Versuch einen funktionierenden Staat aufzubauen, der inzwischen alle Merkmale eines eigenen Staates besitzt, von der Flagge bis zur Währung und zu einheitlichen Zollvorschriften, wenngleich andere Dinge wie eine Abgleichung und Stärkung des Bildungswesens und noch verhindert werden. Ein positives Zeichen ist auch die stetige Verringerung der fremden Soldaten auf einige Tausend. Mit der Schaffung einer eigenen Armee und deren Übernahme in ein Natopartnerschaftsprogramm werden weitere Schritte zur Verbesserung des Staates unternommen. Schließlich wird ab Sommer dieses Jahres mit der Übernahme der Funktion des OHR in EU-Trägerschaft ein neuer Schritt unternommen, der hoffentlich auf eine Aufnahme Bosnien-Herzegowinas in die Europäische Union führen wird. 


Auch der vierte Referent schloss bei aller Skepsis seine Ausführungen mit einem positiven Ausblick, so dass man sagen kann, dass das Vorhaben der Katholischen Akademie der Bürde der Vergangenheit die Hoffnung auf eine Zukunft entgegenzusetzen, vollständig und eindrucksvoll gelungen war. Es war eine Tagung auf hohem Niveau mit vielen sachkundigen und interessierten Teilnehmern. Es soll nicht verschwiegen werden, dass wesentlichen Anteil an der Vorbereitung die Bosnierin Sadija Klepo hatte, die durch ihre Sachkenntnis die Veranstalter bei der Auswahl und Kontaktaufnahme mit den Referenten beraten hatte. Insgesamt eine wichtige und wegweisende Veranstaltung.

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