Alte Heimat - neue Heimat

Alte Heimat - neue Heimat

Es sind nicht immer Krieg und Verfolgung, die Menschen dazu zwingen, aus ihrer Heimat zu fliehen. Auch fehlende Perspektiven, die eigene Zukunft zu gestalten, veranlassen viele zu gehen. Eines ist jedoch klar: Niemand verlässt seine Heimat ohne Grund. Wer sind die Menschen, die so mutig und oft auch so verzweifelt sind, dass sie bei uns eine neue Heimat suchen? Wir wollen Ihnen in unserer neuen Serie „Alte Heimat – neue Heimat“ einige davon vorstellen.

Endlich ohne Angst auf die Straße gehen



Karina sitzt in der Kantine des Sprachzentrums von Hilfe von Mensch zu Mensch und unterhält sich gut gelaunt mit ihrer Sprachlehrerin Maja Gebhardt. Wer ihr zuhört, mag kaum glauben, dass sie erst seit einem Jahr Deutsch lernt. Die Sprache habe ihr nie Probleme gemacht, sagt Karina, das Deutsche sei dem Spanischen schließlich sehr ähnlich, was die Struktur angeht. „Nur die Aussprache ist ungewohnt“, ergänzt sie mit einem sympathischen, leichten Akzent.
Karina kommt aus Venezuela, aus der Hauptstadt Carracas. Dort hat sie Publizistik studiert, geheiratet, einen kleinen Sohn bekommen und mit ihrem Vater und Bruder eine eigene TV-Sendung moderiert. Und dennoch: In Venezuela sah die 32jährige keine Perspektive für ihre Familie. „Venezuela ist eine einzige Katastrophe“, sagt sie, „die Wirtschaft ist am Boden, die Politik korrupt und die Kriminalität extrem hoch.“

Karina weiß leider sehr genau, wovon sie spricht. Sie und ihre Familie haben selbst eine traumatische Erfahrung hinter sich. Beim Ausladen ihres Autos werden sie im eigenen Haus von Kriminellen angegriffen, sie halten Karinas Mann eine Pistole an den Kopf. Zum Glück kann die junge Frau die Situation deeskalieren, verzweifelt, denn ihr Sohn sitzt im Auto und soll von dem dramatischen Vorfall nichts mitbekommen. Spätestens da ist die Entscheidung gefallen, das Land für immer zu verlassen.

Die Antwort auf die Frage, was Karina an Deutschland besonders gefällt, verwundert kaum: „Endlich ohne Angst auf die Straße gehen.“ Die Entscheidung für Deutschland als Auswanderungsland kam nicht von ungefähr, schließlich hat sie einen deutschen Pass. Ihr Großvater, ein Deutscher, ist vor vielen Jahren nach Venezuela ausgewandert. „Manche haben mir davon abgeraten“, sagt sie, „die Leute seien hier so kalt und distanziert. Das finde ich gar nicht, ich habe bisher so viele positive Erfahrungen gemacht.“

Doch nicht alles ist eitel Sonnenschein in der neuen alten Heimat. Den Beruf als Publizistin, den Karina so liebt, kann sie hier nicht ausüben. Aber sie hat schon eine Idee. Erst einmal will sie Büromanagement lernen, vielleicht in einer internationalen Firma arbeiten und dann – einfach mal sehen, was die Zukunft in der neuen Heimat Deutschland so mit sich bringt.


„Ich hatte hier niemanden“ - Ahmeds Geschichte 



„Ich hatte hier niemanden“, Ahmed spricht sehr leise und schlägt die Augen nieder. Es kostet ihn sichtlich Kraft, die Fassung zu behalten. Für den jungen Mann aus Sierra Leone ist dieses Gefühl zu einer existenziellen Erfahrung geworden, seit er in Deutschland lebt. Dabei ist es gar nicht so lange her, dass Ahmeds Welt noch in Ordnung war. Bis 2012 lebte er mit Vater und Mutter in Bo, einer der großen Städte Sierra Leones, und ging regelmäßig zur Schule. Er war ein guter Schüler, neun Jahre lang hat er die Schule besucht. Doch mit dem Tod des Vaters ändert sich alles, der Jugendliche zieht mit seiner Mutter zurück in ihr Dorf. Sie arbeitet dort als Krankenschwester und fällt in Ungnade. Was dann passiert ist, darüber kann Ahmed nicht reden. 2015 kommt er nach Deutschland, allein.

Hier beginnt eine wahre Odyssee für den jungen Mann. Eine Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge muss der damals 17-jährige wieder verlassen, weil man die Kopie seiner Geburtsurkunde nicht für echt hält und ihn auf 23 schätzt. Wer Ahmed ansieht, mag das nicht glauben. Die Folgen dieser Fehleinschätzung sind für ihn gravierend. Aus einer Unterkunft für Jugendliche mit Betreuung und überschaubarer Belegung kommt er in eine Gemeinschaftsunterkunft, weitab vom Zentrum Münchens. Seinen ersten guten Freund in Deutschland, einen Jungen aus Somalia, muss er zurücklassen. Als man ihm sein Alter endlich glaubt, ist es zu spät für die Jugendhilfe. Mit 18 wird er in eine andere Sammelunterkunft verlegt.

Ein wichtiger Halt für ihn ist, dass er wieder die Schule besuchen kann. Im K.O.M.M. mit! Projekt von Hilfe von Mensch zu Mensch e.V. hat er einen Schulplatz bekommen – obwohl er keinen Anspruch mehr auf Jugendhilfe hat. Ahmed besucht die Abschlussklasse, in der er auf den Mittelschulabschluss vorbereitet wird. Auch hier ist er gut in der Schule, vor allem in Mathe. „Ich möchte Elektroniker werden, ich will noch den Quali machen“, sagt er. Und dann vielleicht irgendwann Ingenieur werden, sein Zukunftstraum. Im Moment hat er viele Probleme, zum Beispiel, dass er sich in der Gemeinschaftsunterkunft nicht aufs Lernen konzentrieren kann. Und da war die Sache mit seiner Fahrkarte: Rund 90 Euro muss er jeden Monat zahlen, um zur Schule fahren zu können. „Ohne Fahrschein fahre ich nicht, ich will keine Strafe,“ sagt er leise.

Dann hebt er den Blick und ergänzt mit festerer Stimme: „Ich liebe Deutschland. Die Menschen hier haben mir sehr geholfen.“ Damit meint er auch die Mitarbeiter von K.O.M.M. und die Lehrer, die ihn unterstützen. Und jetzt hat Ahmed sogar noch einen Lichtblick: die Anwältin Katrin J., die Ahmeds Geschichte so tief berührt hat, dass sie sich persönlich für ihn engagiert. Sie übernimmt nun seine Fahrtkosten und einen Teil seiner Schulkosten. 

Und dann lacht Ahmed sogar einmal in diesem Gespräch: Als K.O.M.M.-Mitarbeiter Krzysztof Merks ihn fotografiert. Das Lachen ist echt, man spürt das Vertrauen, dass er Krzysztof entgegenbringt. In diesem Moment wirkt Ahmed wie ein ganz normaler, fröhlicher Jugendlicher.

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